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Bildung findet nicht nur in der Regelschule statt
Ganztägige Schulformen - Musikalische Bildung in Musikschulen, Konservatorien und Universitäten

Mag. Michael Seywald, Pädagogisch-künstlerischer Landesdirektor, Musikum
Bildquelle: Neumayr/Musikum
Ganztägige Schulformen sind aus verschiedenen Gründen notwendig geworden, das ist unbestritten. Dabei gibt es Formen, die „Musikalische Bildung“ einerseits ermöglichen und anderseits erschweren bis nahezu verunmöglichen. Besonders die verschränkte Schulform in kleinen und mittleren Schulen behindert durch die Anwesenheitspflicht bis zum späten Nachmittag den ganzheitlichen Musikschulunterricht („Musikum ist mehr als eine Unterrichtsstunde“) sowie kulturelle und sportliche Aktivitäten, die eine zeitliche und örtliche Flexibilität voraussetzen. Dies hätte weitreichende und negative Auswirkungen auf das gesamte Musikschulwesen in Österreich und in Folge auf die kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Regionen bis hin in jede einzelne Gemeinde. Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder ihre besonderen Fähigkeiten weiterhin ausbauen und sich jene zusätzlichen Kompetenzen erwerben können, die im Regelschulwesen nicht angeboten werden.

In Österreich können wir stolz sein, dass wir über 200.000 Musikschulschülerinnen und Musikschulschüler haben, die freiwillig und zum Teil mit großem Engagement ihre Kompetenzen erweitern und so das Land Österreich gestalten und bereichern. Dieser freiwillige und zusätzliche Bildungsweg birgt ermutigende gesellschaftliche und kulturelle Perspektiven für die Zukunft Österreichs.

Wenn einerseits die Ergebnisse der „Pisa-Studie“ beklagt werden, dann sollten wir andererseits auf jene Felder in der Bildung blicken, die gedeihen und wachsen. Ich meine im Besonderen die musikalische Bildung. Ich bin der Überzeugung, dass jene Kinder und jungen Menschen, die ein Instrument lernen und in der Lage sind, die hochkomplexe Notenschrift in äußerst differenzierte Bewegungen und in einen künstlerischen Ausdruck umzusetzen, in diesen Studien sehr gut abschneiden. Ein wissenschaftlicher Vergleich wäre interessant.

Dem wirtschaftlichen Wachstum kommt in der öffentlichen Diskussion sehr viel Bedeutung zu. Aus meiner Sicht jedoch schauen wir viel zu wenig auf menschliches und gesellschaftliches Wachstum, auf Herzensbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Die Hirnforschung zeigt uns den Weg dorthin – musikalische Bildung ist einer davon. Das nützt auch der Wirtschaft! Diese Wege müssen wir beim Veränderungsprozess im Bildungswesen offenhalten und noch weiter ebnen.

Von den Veränderungen hin zu ganztägigen Schulformen sind die Musikschulschülerinnen und Musikschüler – sie bilden immerhin die zweitgrößte Schülergruppe nach den Volksschülerinnen und Volkschülern – direkt betroffen. Das muss uns zu denken geben, denn wir haben eine hohe Verantwortung, dieses Bildungssegment und diese Perspektive für Österreich weiterhin intakt zu halten.

Ein großes „Sorgenkind“ ist die Berufsvorbereitung auf eine musikalische oder musikpädagogische berufliche Tätigkeit, die unter den derzeitigen Bedingungen nicht erfolgreich umgesetzt werden kann. Diese Berufsvorbereitung ist jedoch eine wichtige Aufgabe der Musikschulen und Vorbereitungslehrgänge der Universitäten. Fast alle Berufe, für die man eine universitäre Ausbildung braucht, können bis zum Universitätseintritt vom Regelschulwesen vorbereitet werden – in der musikalischen Bildung ist das nicht der Fall. Die jungen Menschen mit Berufsorientierung „Musikstudium“ müssen mindestens 25 Stunden pro Woche zusätzlich zu den rund 35 Stunden (ohne Hausaufgaben) im Regelschulwesen aufwenden, um das nötige Niveau und die Qualifikation für einen Studieneintritt zu erreichen. Aus unserer Sicht ist das eine unzumutbare Situation! Eine Erleichterung wäre es schon, wenn die musikalische Ausbildung, die an den Musikschulen, Konservatorien und Universitäten in Anspruch genommen wird, in der Regelschule als Wahlpflichtfach anerkannt würde. Andere Länder wie Südtirol, Bayern und die Schweiz haben bereits Alternativen entwickelt und diese erfolgreich umgesetzt.

In Anbetracht des hohen Wirkungsgrades von Musikschulen in die Bereiche Bildung, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft ist es dringend notwendig, dass im Entwicklungsprozess des Bildungssystems die Musikschulen insbesondere von der Bundespolitik mitbedacht und eingebunden werden. Erste Schritte sind erfolgt, weitere müssen dringend folgen.

Die KOMU (Konferenz der Österreichischen Musikschulwerke), die sich in diesem Themenbereich seit einigen Jahren intensiv engagiert, sieht durchaus Chancen in ganztägigen Schulformen und hat schon seit Jahren Vorschläge zu möglichen Lösungen vorgelegt. Sie fordert unter anderem das Einrichten einer Arbeitsgruppe und einen Dialog zwischen Bund – zuständig für die Regelschulen – und den Ländern und Gemeinden, die zuständig für die Musikschulen und Konservatorien sind.

Folgende Fragen ergeben sich:
• Wie kann die notwendige Infrastruktur für musikalische Bildung aufgebaut werden: Akustisch adaptierte Unterrichts- und Überäume, Instrumente sowohl für den Unterricht als auch zum Üben, z. B. Klaviere, Schlagwerk, Ausstattung für den Bereich Rock/Pop/Jazz, Harfen usw.?
• Wie kann besonders in kleinen und in entlegenen Orten, die von den Musikschulen nicht betreut werden können, musikalische Bildung stattfinden, wenn die Schulform verschränkt ist? Welche Konsequenz hat das auf das örtliche kulturelle und gesellschaftliche Leben – Blasmusik, Chor, Volksmusik, Brauchtum, Tourismus, lebenswerte Gemeinde …?
• Wann, wo und zu welchen Bedingungen können Kinder üben? Am Abend nach einem langen Tag in der Schule ist es völlig unrealistisch, dass die für das Üben nötige Konzentration und Energie vorhanden ist.
• Wie kann die Berufsvorbereitung auf ein Musikstudium ermöglicht werden? Wie sollen die wissenschaftlich nachgewiesenen rd. 10.000 Übestunden, die notwendig sind, um die Eingangsqualifikation für ein Musikstudium zu erreichen, neben den Schulfächern in der Regelschule, möglicherweise auf den ganzen Tag verteilt, in Zukunft geleistet werden?
• Wann, wie und mit welcher Infrastruktur sollen die zahlreichen Jugendorchester, Ensembles, Bands proben, deren Mitglieder notwendigerweise aus verschiedenen Orten und verschiedenen Schulen in der Musikschule zusammenkommen? Diese Musizierformen sind die Essenz jeder musikalischen Bildung und notwendig für die kulturelle Entwicklung. Sie sind nur dann qualitativ sinnvoll möglich, wenn die zeitliche und örtliche Flexibilität, wie etwa in der Nachmittagsbetreuung, erhalten bleibt.

Österreichs Identität und Image baut auf die bisher erfolgreiche musikalische Bildung durch die Musikschulen, Konservatorien und Universitäten. Damit dieser im Europavergleich erfolgreiche Weg fortgesetzt werden kann, brauchen wir neben ganztägigen Schul- und Betreuungsformen pragmatische, flexible Lösungen für jene Bildungsbereiche, die die Regelschulen nicht leisten können.

Noch sind die Chancen intakt, ganztägige Schul- und Betreuungsformen in „Einklang“ mit musikalischer Bildung zu bringen. Es steht sehr viel auf dem musikalischen „Spiel“!
18.04.2017 · Günter Schaufler · Musikum Landesdirektion
Salzburg - Land / Stadt / Gemeinden