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Kreativität – "mozartgenial" oder Chance für jeden?
Verfasser: Mag. Michael Seywald, Pädagogisch-künstlerischer Landesdirektor Musikum Salzburg
Was würden Sie zu den größten Leistungen menschlicher Existenz zählen, was würde menschliches Dasein am besten beschreiben, wenn wir einer vermutlichen Existenz, einem „intelligenten Wesen“ im All eine Botschaft der Menschheit übermitteln wollten? Ist es die Wirtschaftsleistung der gesamten Welt, sind es die Ergebnisse der Olympiade, ist es der Microchip, der die Welt so nachhaltig verändert hat?

In der Raumsonde Voyager – im Februar 2016 rund 26.920.000.000 km von der Erde entfernt – ist unter anderem Musik an Bord, auch ein Präludium von J. S. Bach als die Botschaft menschlicher Existenz und Intelligenz. Musik zählt zweifellos zu den ganz großen kulturellen und damit kreativen Leistungen der Menschheit. Viele kreative, meist herausragend begabte Menschen haben uns mit der Musik ein geistiges, emotionales und ästhetisches Protokoll einer Epoche und einer Gesellschaft hinterlassen. Sie haben jenes Fenster geöffnet, das uns in eine Dimension hineinhorchen lässt, die jenseits der Ratio, abseits der Effizienz und des Nutzens ist, und die den Menschen in seiner ureigenen Fähigkeit, nämlich in seiner schöpferischen Kraft in Erscheinung treten lässt.

Die Kreativität ist der Silberfaden, der uns mit dem universellen Bewusstsein verbindet und unsere Sichtweisen über uns und die Welt weitet, neu erschafft und uns verbindet. Mit Sicherheit ist Kreativität jener „Schlüssel“, mit dem wir die immer komplexer werdende Welt und deren Herausforderungen meistern können. Je komplexer die Welt wird, desto höher ist die Anforderung an die kreative Lösungskompetenz. Die kreative Leistungsfähigkeit muss gleichsam mitwachsen, damit wir uns zurechtfinden können.

„Kreativität geht mit gewöhnlichen Denkprozessen einher!“ Zahlreiche Studien haben sich mit Kreativität befasst. Die neuen Technologien und die Möglichkeiten der bildgebenden Verfahren lassen uns beim Denken bzw. beim Erfinden zuschauen. Neurowissenschaftliche Forschungen und andere wissenschaftliche Fachdisziplinen haben den Mythos von Kreativität entzaubert und gezeigt, dass kreative Denk- oder Problemlösungsprozesse in einem weit verzweigten neuronalen Netzwerk stattfinden. Offenbar sind – ähnlich wie beim Musizieren – in kreativen Prozessen viele Gehirnareale aktiv.

Kann und soll Kreativität gefördert werden?
Als unbestrittener Urvater der modernen Auffassung von Bildung gilt Wilhelm von Humboldt, er wurde 13 Jahre nach Mozart geboren. Jener hat die wohl weitreichendste Bildungsreform im deutschen Sprachraum durchgeführt, die nach wie vor ihre Wirkung zeigt. Humboldt definierte Bildung als „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“. Wenn Humboldt „die Anregung aller Kräfte des Menschen“ zu fördern als Bildungsziel definiert – diese Meinung vertrete ich persönlich auch heute noch zu 100 Prozent – dann muss Kreativität als jene Kraft, die zur Bewältigung des Lebens, zur „Aneignung der Welt“ notwendig ist, im Bildungsbereich wesentlich mehr gefördert werden als das heute der Fall ist. Harald Lesch, Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist, Fernsehmoderator und Hochschullehrer, befragt über den Zustand der Welt in 100 Jahren, meint sinngemäß, dass das kreative Tun, das Malen, das Musizieren usw. wesentlich mehr gefördert werden muss. Wir brauchen in 100 Jahren diese kreativen Gehirne, um die komplexen Themenstellungen der Zukunft lösen zu können.










Kreativität ist meiner Meinung nach in jedem Kind grundgelegt. Es liegt in der Natur des Menschen, Dinge zu erfinden, Zusammenhänge neu zu denken, kreativ auf bestimmte Situationen zu reagieren. Allerdings stellt sich die Frage: Wie weit wird und kann dieses Grundbedürfnis – als solches möchte ich Kreativität bezeichnen – zur Entfaltung kommen, welche Bedingungen sind dazu notwendig? Welche „Zutaten“ braucht das Menü „Kreativität“? Andreas Fink beschreibt aus Sicht der Psychologie die Kreativität als Konglomerat von intrinsischer Motivation (aus dem inneren Antrieb heraus) aus der Freude an der Sache selbst, von einem domänenspezifischen Wissen, intellektuellen Fähigkeiten sowie bestimmten Persönlichkeitsfaktoren. Risikobereitschaft und Mut sowie die Möglichkeit entscheiden und gestalten zu können, fördern kreative Ansätze. Eine positive wertschätzende Atmosphäre, Begeisterung, eine positive Fehlerkultur, die Neugier – in dem Wort steckt das Neue – der positive Umgang mit dem Scheitern, das ist ein Umfeld, in dem sich Kreativität entfalten kann.

Verschiedenste Formen spezieller Techniken und Methoden, die herkömmliche Denkmuster durchbrechen, ermöglichen neue Lösungsansätze. Gruppenbasierte Methoden wie Brainstorming, eine der gebräuchlichsten Formen, Sechs-Hüte-Übung von Edward de Bono, die 635-Methode, Phantasiereise, Walt-Disney-Methode usw. können Kreativität ebenso steigern wie persönliche Zugänge zur schöpferischen Kraft mittels Entspannungstechniken. Beim autogenen Training oder durch Meditation kann man jene energetischen Zustände der Alphaaktivität (Alphafrequenzband – Gehirnaktivität im Frequenzbereich von ca. 8 bis 12 Hz) erreichen, die das Kreativitätsniveau steigern können. Selbstverständlich basieren kreative Leistungen auch auf Wissen, auf Erfahrung und auf aktivem Tun. Herausragende kreative Leistungen sind meist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit einer Thematik. In wissenschaftlichen Studien wird beschrieben, dass Intelligenz, schnelles, effizientes und konzentriertes Denken, also das leistungsfähige Arbeitsgedächtnis kreative Leistungen erhöhen.

Das Musizieren wirkt sich auf die Entwicklung des Gehirns und dessen Leistungsfähigkeit aus, insbesondere wird die Fähigkeit, räumlich zu denken, gefördert, was wiederum für kreative Leistungen hilfreich ist.

„Um die Ecke gedacht“ – Kreativität der Führungskräfte
Kreative Menschen sind heute überall gefragt. Abseits der „Alltagskreativität“, die uns tagtäglich herausfordert, wird der Focus bei Führungskräften berechtigterweise immer mehr auf das kreative Potenzial gelenkt.

Der Kreativität wird eine sehr große Bedeutung beigemessen. 64,8 Prozent finden laut einer umfassenden Studie , dass Kreativität für die Führung und im Management wichtig ist, 21,7 meinen, sie sei sehr wichtig. Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass „innovative Unternehmerpersönlichkeiten“ über 50 Prozent mehr Zeit in schöpferische Leistungen investieren als jene Firmenchefs, „die sich nicht durch schöpferische Leistungen hervortun“. „Kreative Ökonomie“ ein Schlagwort, das gewisse Hoffnungen aufkommen lässt. Geht es doch weniger um das ausschließliche Funktionieren von Menschen, als vielmehr um eine Individualisierung am Arbeitsplatz, um kreative Potenziale von Menschen zu Entfaltung zu bringen.

Am Schluss der „Auftakt“
Kreativität, vielfach als die „neue Intelligenz“ bezeichnet, ist in vieler Hinsicht lebensentscheidend, sei es in den individuellen Lebensentwürfen, sei es in Unternehmen oder in der Politik. Kreativität ist nicht nur den „Mozartgenialen“ vorbehalten, sie ist je nach den individuellen Möglichkeiten und unter entsprechenden Bedingungen entwickelbar. Ein „musikalischer Auftakt“ weckt die Neugierde auf das Kommende, auf die Komposition. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche „ihre Auftakte“ komponieren und so ihr Leben kreativ bereichern. Denken wir also darüber nach, wie wir die Barrieren, in denen Kreativität „versickert“, erkennen und diese abbauen können.

„Musikum kreativ“ – so lautet das Motto für unser kommendes Schuljahr.
[1] Vgl. Pfeifer, Helga (2014); Warum Kreativität so wichtig ist. In: journal für begabtenförderung 1/2014
[2] Fink, Andreas (2014); Die Sprache der Neurowissenschaften und der neurowissenschaftlichen Kreativitätsforschung. In: journal für begabtenförderung 1/2014, S. 43.
[3] Harald Lesch, >Die Welt in 100 Jahren (Youtube-Video)
[4] Thomas Alva Edison, Erfinder
[5] Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft GmbH – Akademiestudie 2010
19.04.2017 · Günter Schaufler · Musikum Landesdirektion
Salzburg - Land / Stadt / Gemeinden